Gedanken zur Nacht


Vorwort

 

Für alle, die nicht schlafen können oder noch nicht schlafen wollen, für all die kleinen Hobby-Philosophen, die in uns stecken und für alle, denen das Leben noch nicht kompliziert genug ist.

Für den Herrn, der sonst keine Probleme hat oder die Dame, die alle Schuhe und Handtaschen, die ihr jemals etwas bedeutet haben und bedeuten werden, bereits zuhause in der Garderobe stehen hat.


Die existenzielle Bedeutung der nachfolgenden Gedanken tendiert gegen null...

...aber warum fesseln Sie dann?

... und warum teile ich diese Faszination mit Generationen von Philosophen und Wissenschaftlern?

 

 

Glaubt man an die Evolutionstheorie, so ist davon auszugehen, daß all unser 'Equipment', unser Körper, unsere Sinnesorgane und vor allem die Art, wie wir die auf uns einströmenden Reize verarbeiten und auswerten, nur auf ein Ziel ausgelegt sind: Überleben und Fortpflanzung.

Mit Einführung eines Gehirn, und vielmehr eines Bewußtseins, überschreiten wir jedoch die ursprünglich geplante Zielsetzung um ein Vielfaches. Es eröffnen sich Möglichkeiten und Gedankenräume, mit denen niemand rechnen konnte, und deren Ergebnisse oder weiterer Verlauf völlig offen sind.

In Ballerspielen beispielsweise spricht man von einer 'nichtlinearen' Programmierung, in denen die Spielabläufe nicht mehr ausschließlich gescriptet sind, sondern eine Eigendynamik entwickeln können.

Diese Eigendynamik (als Ergebnis  der geschaffenen Freiräume) ist der Nährboden, der Katalysator und der Brandbeschleuniger für Wissenschaft und Forschung...

...deren Krönung meiner Meinung nach die Philosophie dargestellt. Denn hier versuchen wir etwas zu ergründen, daß manchmal aussieht, als ob es von einer höheren Macht geplant und umgesetzt wird, denn es muss doch ein Sinn hinter allem stecken...

...und falls nicht, ist das Leben sinnhaft 'an sich'?

Genügt es 'sich selbst'?

 

Der Schlüssel zur Faszination liegt darin, daß wir all diese Fragen mit einer 'Denkmaschine' zu ergründen versuchen, deren Anspruch oder Zielsetzung es niemals war, geschaffen worden zu sein, um sich selbst zu ergründen...

...oder vielleicht doch?


 

I) Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?

Seit einiger Zeit fesselt mich die Qualia-Problematik. Unter Qualia versteht man den subjektiven Erlebnisgehalt von mentalen Zuständen, also das Fühlen von Schmerzen, das Hören von Schall, das Sehen von Licht, das Erleben von Temperatur und vieles mehr.

Gemeint ist an dieser Stelle also nicht das Erleben von Emotionen (Angst, Freude, Ärger...), sondern vielmehr der Erlebnisgehalt von Sinneseindrücken jeglicher Art.

 

Auf Wikipedia kann man dazu unter anderem folgendes lesen:

Wenn eine Person etwa friert, so hat dies in der Regel verschiedene Konsequenzen. In der Person laufen etwa verschiedene neuronale Prozesse ab und die Person wird ein bestimmtes Verhalten zeigen. Doch das ist nicht alles: „Es fühlt sich für die Person auch auf eine bestimmte Weise an“, zu frieren. Allerdings kann Nagels Bestimmungsversuch nicht als allgemeine Definition gelten. Eine Bestimmung von Qualia durch die Phrase „sich auf bestimmte Weise anfühlen“ setzt voraus, dass diese Phrase schon verstanden ist. Wem jedoch die Rede von subjektiven Erlebnisgehalten nicht einleuchtet, der wird die Phrase auch nicht verstehen. Ned Block hat das Problem der Begriffsbestimmung daher wie folgt kommentiert:

„Sie fragen: Was ist das, was Philosophen ‚qualitative Zustände‘ genannt haben? Und ich antworte, nur halb im Scherz: Wie Louis Armstrong schon sagte, als man ihn fragte, was Jazz sei: Wenn du erst fragen musst, wirst du es nie verstehen.“

(Ned Block: Troubles with Functionalism)

 

Wie ist das zu verstehen? Weit einfacher, als es sich liest: Ich muß mir beispielsweise keine Gedanken machen, wie ich die Farbe rot empfinde. Ich kann sie mir sogar mit geschlossenen Augen vorstellen. Und wenn Sie mich fragen ''Hee Frääänk, wie siehst DU eigentlich rot?'', dann zeige ich auf die Kirschen in Nachbars Garten und sage: ''Ungefähr SO.''.

Prima! Und wo ist jetzt das Problem? Offensichtlich wissen wir beide doch, wovon wir sprechen.

 

Die ganze Sache hat einen (ziemlich stark humpelnden) Pferdefuß:

Das, was uns die Kirschen in's Auge schicken, ist nicht rot, sondern elektromagnetische Strahlung einer bestimmten Wellenlänge. Diese trifft auf unsere Sinnesrezeptoren und wird dort in elektrische Impulse umgewandelt, welche mittels Nervenbahnen schließlich im dafür zuständigen Verarbeitungszentrums des Gehirns ankommen.

Das hört sich wahnsinnig toll und kompliziert an. Ist es auch. Aber wo ist jetzt eigentlich unser rot geblieben?

Es war nie da! Rot entsteht erst in unserem Kopf, am Ende der Bildverarbeitungskette!

Wie können wir uns jetzt sicher sein, daß IHR Gehirn aus den Nervenimpulsen den 'objektiv' gleichen Sinneseindruck entstehen läßt wie MEIN Gehirn?

Sehen Sie vielleicht rot in einer Art und Weise, wie mein Gehirn mich gelb sehen läßt?

Ich fürchte, wir werden es niemals heraus finden.

 

Wenn wir in der wissenschaftlichen Literatur nachlesen, wie dort die elektromagnetische Strahlung behandelt wird, so finden wir Klassifikationen, die auf der Bezugsgrösse 'Wellenlänge' beruhen.

Von extremer kurwelliger Strahlung (z.B. Gamma-Strahlung) bis zum langwelligen Ende geben wir den Kindern unterschiedliche Namen in Abhängigkeit davon, was diese Strahlen 'anrichten' bzw. wie wir diese empfinden.

Röntgenstrahlen bemerken wir beispielsweise überhaupt nicht (unter Umständen bekommen wir mögliche Spätfolgen zu spüren). UV-Strahlung registrieren wir ebenfalls erst an den Folgen (wenn nämlich der Sonnenbrand den 2. Urlaubstag auf Kreta zur Besichtigung von geschichtsträchtigen Katakomben degradiert). Infrarot empfinden wir unmittelbar als Wärmestrahlung...

...dazwischen liegt das 'optische Fenster', ein Bereich, den sich das Gehirn dazu auserkoren hat, ihn für uns als optische Orientierungshilfe erlebbar zu machen...

 

...folglich eine wahrsten Sinne des Wortes 'menschliche' Einteilung. Das optische Fenster ist nicht heller oder farbiger als der Rest des Spektrums.

 

Ist dann also schwarz gar keine Farbe? Ist schwarz vielmehr die Abwesenheit von Farbe? Liegt schwarz folglich außerhalb des optischen Fensters? Ja, so sollte es sein, das leuchtet ein...

...nur: Wenn schwarz keine Farbe ist, warum kann ich sie dann sehen?

Na gut, dann ist schwarz für mich jetzt per Definition ebenfalls eine Farbe. Aber welche Farbe hat dann 'nichts', also die völlige Abwesenheit eines optischen Eindrucks?

 

Um dieses Dilemma zu visualisieren, habe ich mir ein kleines Experiment ausgedacht:

'Nichts' ist das, was außerhalb unseres Gesichtsfeldes liegt. Machen wir die Probe auf's Exempel.

Schauen Sie in die Mitte der Ihnen gegenüber liegenden Wand und fixieren dort einen Punkt. Lassen Sie ihren Blick nun gedanklich(!), ohne die Augen zu bewegen, bis zum Rand des Erkennbaren schweifen.

Sehen Sie überhaupt so etwas wie einen Rand? Also ich nicht...

Was sehen Sie denn außerhalb Ihres Gesichtsfeldes. Schwarz? Also ich nicht...

Ich sehe 'nichts', absolut gar nichts. Aaaaaah! DAS also ist 'nichts'.

 

Eeeendlich kann ich schlafen... nein halt... Mist, aber was bedeutet das in letzter Konsequenz:

Wenn jemand im Laufe seines Lebens tragischerweise sein Augenlicht verliert, wird sein Gehirn keine Reize mehr vom Auge bekommen. Er müßte folglich schwarz sehen. Da sich das Gehirn noch an Farben erinnert, wird er sich diese sicher auch in gedanklichen Bildern 'vor Augen' führen können.

So weit, so schlecht.

 

Und was 'sieht' nun jemand, der blind auf die Welt gekommen ist? Dessen Gehirn und Augen weder Licht & Farbe noch deren Abwesenheit (schwarz?) kennengelernt haben?

Sieht er dann 'nichts'?

 

Ist es vielleicht jenes 'nichts', das auch uns zugänglich ist...

...außerhalb unseres Gesichtsfeldes?

 

Schlafen Sie gut!

  

 

II) Probleme mit dem Cockpit

Sie sind auf dem Heimweg von einer feucht fröhlichen Geburtstagsfeier und fahren in tiefer Nacht auf der Landstrasse entlang. Plötzlich leuchtet ein gelbes Warnlicht auf. Ihr Treibstoff-Vorrat neigt sich dem Ende zu. Die verbleibende Reserve reicht Ihnen jedoch locker aus, um die 17 km entfernt gelegene Tankstelle, die um diese Schlafenszeit noch geöffnet hat, anzufahren und das drohende Problem eines Liegenbleibers abzuwenden.

Szenenwechsel:

Hmmm, lecker! Die Rigatoni da Luigi (al forno midde di extra viele Käse) befinden sich seit 30 Minuten im Backofen. Mittlere Schiene,  180 °C bei Ober- und Unterhitze. Gleich sollten sie fertig sein, der Käse wirft schon Blasen und bildet schöne röstbraune Inseln. Woll'n doch mal kurz nachschauen. Also Türe auf und das Backblech ein wenig heraus ziehen. Kein Mensch macht das mit blossen Händen, aber da liegt ja das feuchte Geschirrhandtuch, mit welchem gerade erst die Überreste des nachmittäglichen Kaffeekränzchens abgetrocknet wurden. Supi. Zweimal um die Hand gewickelt und munter zugegriffen. Wir hören: 1) ein harmloses 'pffff...' und 2) nichts besonderes. Das Wasser im Handtuch verdampf SOFORT am heißen Backblech, treibt durch's Gewebe und trifft die Haut. Wir hören nun: 1) Das scheppernd in die Schiene zurück fallende Backblech und 2) ein schmerzhaftes und ehrlich heraus gebrülltes 'Scheisse!'

Nette Geschichtchen... aber was hat das eine mit dem anderen zu tun? Worin besteht der Zusammenhang zwischen beiden Szenarien?

Gibt es Gemeinsamkeiten?

In beiden Fällen wurde durch ein Warnzeichen (Gelbes Licht bzw. Schmerzempfindung) ein drohendes größeres Unheil (Liegenbleiben bzw. schwere Verletzungen) verhindert. Beide Informationen wurden im 'Cockpit' (Anzeige im Armaturenträger bzw. Gehirn) als unmissverständliches Zeichen zur Verfügung gestellt.

So weit, so gut.

Nur gibt es da einen ganz merkwürdigen Unterschied in der Darstellungsform und dem Informationsfluss der 'Warnhinweise', hinter dessen Geheimnis ich noch nicht gestiegen bin.

Mehr dazu in kürze...

 

...spätestens nach dem nächsten philosophischen Anfall...

 

Schlafen Sie gut!