03. September 2011
Grafschafter Goldsaft
Es sieht aus wie Rohöl der Sorte 'Brent', direkt aus dem Bohrloch abgefüllt.
Etwa 1 ml genügt, um beide Hände und die halbe Kücheneinrichtung dauerhaft mit einem klebrigen Film zu kontaminieren.
Rund 15 ml decken den Tagesbedarf an Kalorien von 4 ausgewachsenen 100kg-Schwerstarbeitern.
Quietschsüß! Bereits kurzer Blickkontakt führt zu schwerer Karies.
Glasklar, damit kann nur Zuckerrübensirup gemeint sein - verarbeitet zu einem köstlichen Brotaufstrich... ...und so lecker das Zeug schmeckt, so scheiße ist es anzuschauen. Egozentriker können an dieser Stelle aufatmen, denn Aussagen wie 'Hmmm, das sieht ja lecker aus. Darf ich mal beißen?' sind dem Grafschafter Goldsaft-Junkie völlig fremd ;-) Auch in 2012 wird das Teufelszeug verfügbar sein, denn 185 277-1 ist gerade auf dem Weg zum Rohstoff mit anschließender Zuführung zur Weiterverarbeitung. Isch freu' misch! Aufnahme bei Amstetten(Württ.) Kurzweil zum obigen Bild: Das lustige Suchspiel für die ganze Familie - auch als Weihnachtsgeschenk für die lieben Kinder geeignet (dazu einfach den Monitor in festliches Geschenkpapier wickeln und unter den Christbaum legen): Finden Sie den original Grafschafter Goldsaft Becher!
Dem Fotografen ins Notizbüchle geschaut
A: Wie war jetzt nochmal die Nummer der 185er am Güterzug? 273 oder 372? Oder war's 723???
B: Moment, ich schau mal. Hab ja schließlich eine Digitalkamera, werter Kollege.
Ein frei erfundener Dialog, der aber ganz trefflich zu diesem Schnappschuss passen könnte.
Dagegen ganz die Realität: 151 032-0 hat gerade Schubhilfe geleistet und wartet nun bei Amstetten(Württ.) auf grünes Licht zur Rückfahrt ins Tal (das Dreilicht-Spitzensignal ist zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht umgestellt). Über die Weiche und vorbei an sagenhaften Gleisbettverwerfungen geht es dann hinab nach Geislingen/Steige.

Das zweiteilige Intermezzo...
I) Kontrastmittel
Nachwachsende Rohstoffe sind ein gar tolles Ding. Nutzt man jedoch zunehmend wertvolle Anbauflächen zur Herstellung eines Kraftstoffs, den keiner haben will, während andererseits der Nachschub an Nahrungsmitteln fehlt, wird es (mal wieder) nur noch dämlich.
Auch bei Geislingen/West fällt buchstäblich Licht & Schatten auf die nachwachsenden Rohstoffe: ermöglichen sie einerseits ungewöhnliche Blickwinkel, schatten sie diese andererseits gleich kostenlos mit ab. Prima.
Eine gute Idee ist es übrigens, mit wenig Brennweite einen Zug von schräg oben zu fotografieren. Man muss das Bildergebnis üüüü-berr-haupt nicht entzerren...
...und bei der entsprechenden Nachbearbeitung kommt mir komischerweise ständig 'Herrn Stumpfes Zieh- und Zupfkapelle' in den Sinn ;-)))

II) Beruhigungsmittel
Wie banal und friedlich.
Feierabend im Filstal. Gleich hat die aus Richtung Göppingen kommende Regionalbahn den Haltepunkt Geislingen/West erreicht, und dann steigen sie aus:
Arbeiter mit Vespertaschen, Angestellte in feinem Zwirn, Berufsschüler mit iPods und die Mädels, die mit Freundinnen in Göppingen zum Shoppen unterwegs waren.
Das wiederholt sich tagein tagaus, Montag bis Freitag, Sommers wie Winters. Klingt dieses Verhalten einerseits verdächtig nach 'Lost in Repetition', bildet es doch andererseits den Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält, zumal man nicht vergessen sollte:
Ohne die schrecklich Normalen hätten Freaks keine Existenzplattform.

Aus aktuellem Anlass
There once was a time...
...als die Tulpen an 189 065-6 blühten. Nun ist sie wieder entklebt.
In stillem Gedenken lassen wir die Vergangenheit nochmals Revue passieren.
Dieses historische Dokument aus der Gründerzeit der Fotografie wurde noch mit Schachtsucherkamera auf SW-Film belichtet - und nun in jahrelanger Feinarbeit nachcoloriert und auf digital getrimmt. Wahnsinn ;-)
Aufnahme am späten Vormittag des 10. Mai 2010 bei Geislingen/West.
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